Im Eiltempo wurde das öffentliche Leben im Zuge der Coronakrise auf ein Minimum heruntergefahren. Bußgelder und neu geschaffene Straftatbestände sollen helfen, das Virus einzudämmen. Derweil hat der digital IM Hochkonjunktur.
Man stelle sich vor, es käme zu einem Ereignis, das die Bundesregierung als Befähigung verstehen könnte, Bürgerrechte massiv einzuschränken. Oder völkerrechtliche Vereinbarungen mit Füßen zu treten. Einen Anlass, der solch tiefgreifende Maßnahmen zum Schutz der Allgemeinheit rechtfertigen und auf unabsehbare Zeit als Status quo gelten lassen könnte und infolge dessen der mündige Mensch zwangsläufig zu der Erkenntnis kommen müsste, es sei schon alles zweifellos berechtigt.
Willkommen im März 2020. Bienvenidos Pandemie.
Dem vermeintlichen Anschein nach ohne jede Vorankündigung bahnt sich seit Ende des vergangenen Jahres der moderne schwarze Tod seinen Weg aus der fernen chinesischen Region Wuhan in unser Kollektivgedächtnis. Eine von mir in diesem Ausmaße noch nie wahrgenommene Hypersensibilisierung der Bevölkerung in Form von unter anderem stündlichen Diagrammen, Podcasts, Hygienehinweisen, Fallzahlen, Kommentaren und Falschmeldungen führt ebendiese in eine Schockstarre, die ihresgleichen sucht.Im Schatten der als selbstverständlich hingenommenen Selbstgeißelung tun sich derweil Abgründe auf, die selbst einen Dante an der Darstellung seiner Hölle hätten zweifeln lassen:
Adipöse Katzenliebhabende, deren Sozialkompetenz in etwa so groß sein dürfte wie der Phallus einer männlichen Kaulquappe, stilisieren sich zur selbsternannten Weltrettung hoch, deren einzige Aufgabe der Hinweis zu sein scheint, dass alle gefälligst zu Hause zu bleiben haben. Ein wahrlich leichtes Unterfangen für jene, die durch Misanthropie bedingte, unsittliche Katzenliebe praktizieren und aufgrund dessen das Haus eh nie verlassen. Schließlich könnte Minka ja auch eifersüchtig werden.
Wer früher nichts tat, ist auf einmal unverzichtbar im Kampf gegen die Krise.
Ohne Frage, Corona ist nicht mit einer Grippe vergleichbar. Der Impact auf den Körper ist aggressiver. Exponentielles Wachstum ist ein ernstes Problem und lasches Handeln führt zu Toten, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Legt man seiner Denke allerdings die Erkenntnis zugrunde, dass man sich in Zeiten von Cryptoleaks, Chelsea Manning und Julian Assange womöglich früher über das Ausmaß der Pandemie hätte im Klaren sein können, so bleibt vor allem ob der drastischen Eingriffe in unser aller Bürgerrechte ein bitterer Nachgeschmack.
Wenn ein Herbert Reul nun meint, man müsse Menschen, die auf einer Parkbank sitzen und ein Snickers essen, als vermeintliches Übel der Nation und unter Anhaftung des Stigmas „Picknick“ drakonisch bestrafen, dann haben wir in vielerlei Hinsicht ein Problem. An ihren Fensterbänken lauernd, mit Ferngläsern, Bier und Bouletten bewaffnet, sitzen derweil die neu gekürten moralischen Zeigefinger dieser Nation und bringen die Telefone von Ordnungsämtern zum Glühen. Erich wäre stolz gewesen, das Panopticon könnte doch noch auf der Agenda westlicher Staatschefs landen.
Bespitzelung als neues Hobby.
Und wie wütend sie werden! Zum Beispiel als mir vorgestern ein Post ins Auge sprang, in welchem IM XY auf der Facebookseite der Bürgermeisterin einer deutschen Großstadt wehleidig klagte, dass das Ordnungsamt in dem Waldstück unweit ihrer Bleibe anscheinend nicht kontrolliere.Und das, obwohl sie bereits mehrfach darauf hingewiesen haben will, dass dort vier Leute spazieren würden, worauf ich mich anzuführen erdreistete, man könne ja stattdessen auch an das Gewissen der dort spazierenden Straffälligen appellieren und die zuvor über Jahre personell gewollt geschrumpften Behörden somit entlasten. Selbstverständlich mit der nötigen Distanz.
Ein Shitstorm sondergleichen braute sich über mir zusammen. Nun darf man also auch nicht mehr sagen, was man denkt, ohne von besorgten Horden angegangen zu werden. Meinungsfreiheit adé.
Danke Merkel.
Überhaupt ist dieser Tage die Freiheit in all ihren Facetten scheinbar nicht mehr, als das ferne Mantra unseres vergangenen Seins. Im Zuge der Aktivierung des Infektionsschutzgesetzes scheinen hierzulande Dinge möglich, wie wir sie im entfernten China allzu gerne verurteilen. Stichwort „Der gläserne Mensch“.Klaglos wird von großen Teilen der Bevölkerung der Vorschlag des Gesundheitsministers Spahn hingenommen, Handydaten von Telekommunikationsbetrieben zur Erstellung von Bewegungsprofilen zu nutzen, um mit ihnen – selbstredend ausschließlich – Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen.Davon abgesehen, dass ein solches Unterfangen nicht nachvollziehbar auf Basis anonymisierter Daten erfolgen könnte, wäre es selbst, wenn dem so wäre, ein ungeheuerlicher Schritt in Richtung Totalüberwachung. Wohlgemerkt nicht der erste.Glücklicherweise gab es von Seiten der Opposition sowie Datenschützern breiten Widerstand gegen diesen Vorschlag. Der liegt nun vorerst auf Eis.
Nichtsdestotrotz feilt Herr Spahn derzeit weiter an seinem Ermächtigungsgesetz, welches ihm weitreichende Befugnisse, nicht nur in Gesundheitsfragen, zugestehen würde. Wen wundert es da, dass Dank eines anderen Passus über Umwege doch noch auf solche Daten zugegriffen werden könnte.Eine Zustimmung des Parlaments ist anzunehmen, da Kompetenzen im Kampf gegen die Coronakrise gebündelt werden müssen.
Übrigens gilt das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung ebenfalls nicht mehr.
Wenn in naher Zukunft also uniformierte Beamte in euer Heiligtum eindringen und euch zur Herausgabe eurer Daten zwingen, ist das ebenfalls ein doch bitte gern zu akzeptierender Umstand.Experten sind der Meinung, dass der aktuelle Zustand entgegen der suggerierten Annahme bis zum Sommer andauern wird. Mindestens. Bis dahin könnte sich eine Kultur des Argwohns und der gefühlten moralischen Überlegenheit einiger etablieren, wenn wir nicht aufpassen, wie wir in diesen Zeiten mit unseren Mitmenschen umgehen wollen. Noch tiefere Gräben wären schwerlich zu verkraften.
Ich für meinen Teil ziehe mich jetzt nackt aus, setze mich auf eine Parkbank und esse ein Snickers. Dabei werde ich den wütenden IM genüsslich zuwinken, während die Polizei mich abholt und in ein schwarzes Loch wirft. Im langen Prozess des Verschlungenwerdens, wie Kafka es nennen würde, erfreue ich mich dann einfach an den positiven Begleiterscheinungen der plötzlich über uns herein gebrochenen Krise:Die Erde hat Gelegenheit, wenigstens einen Moment durchzuatmen, während viele Menschen den ungewohnten Zwang erleben, zu entschleunigen. Etwas, das noch vor wenigen Wochen als undenkbar gegolten hätte.
